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Netzdebatte: Was #Dorfkinder wirklich brauchen

Das deutsche Landwirtschaftsministerium startete jüngst unter dem Hashtag #Dorfkinder eine Werbekampagne für den ländlichen Raum. Die Aktion sollte den Blick auf all jene lenken,

„die Tag für Tag daran mitwirken, die Dörfer und Landgemeinden voranzubringen – mit Engagement, Ideen, Leidenschaft“. [1]

Gleichzeitig sollten möglichst viele Betroffene aufgefordert werden, sich über das Landleben auszutauschen und Ideen und neue Entwicklungsansätze anzustoßen. Die #Dorfkinder folgten dem Aufruf, allerdings anders als gedacht. Statt positiver Rückmeldungen gab es Kritik. Zahlreiche Menschen reagierten verärgert und wiesen auf die schlechte Infrastruktur im ländlichen Raum hin.

Zum Boomerang der Kampagne wurden ausgerechnet jene Werbebilder, die den sozialen Zusammenhalt am Land untermauern sollten. Zu sehen waren etwa Kinder als Teil eines Fußballteams oder die Freiwillige Feuerwehr bei ihrer wichtigen Arbeit. Konkrete Lösungen für die Herausforderungen im ländlichen Raum fehlten allerdings.
Tenor der KritikerInnen: Die positive Darstellung einer gemeinsamen Identität kann nicht über eine unzureichende Infrastruktur, fehlende Arbeitsplätze oder dem Problem der (weiblichen) Landflucht hinwegtäuschen. Beispiele dafür lassen sich mehr als genug finden – auch in Österreich, wie die folgenden drei Themenbereiche zeigen:

Öffentlicher Verkehr

Rund 1,35 Millionen ÖsterreicherInnen müssen ohne Mindestversorgung auskommen, für weitere 1,2 Millionen gibt es lediglich eine Basiserschließung. In Summe sind somit 2,5 Millionen Menschen unzureichend oder überhaupt nicht an den Öffentlichen Verkehr angebunden. [2] Angesichts der Zahlen verkommt die Mobilitätswende zur bloßen Rhetorik. Viele Menschen im ländlichen Raum werden auch weiterhin auf das private Auto angewiesen sein.

Breitband-Internetzugang

Laut der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) liegt die derzeitige Durchschnittsgeschwindigkeit in Österreich bei 20 Mbit pro Sekunde. Diese Zahl kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ländliche Gebiete gibt, die lediglich mit einem Zehntel davon versorgt werden – für Menschen und Betriebe ein gleichermaßen untragbarer Zustand. Zwar startete auch A1 jüngst mit dem 5G-Ausbau in 129 Gemeinden, allerdings wird es noch viele Jahre dauern, bis entlegene Regionen ebenfalls davon profitieren können. [3]

Ausdünnung von Filialnetzen

Von 2.257 „echten“ Postämtern im Jahr 2000 sind heute noch rund 400 übrig. Gleichzeitig stieg die Anzahl der PostpartnerInnen rasant an. [4] Daneben sind Bankfilialen, Bahnkassen und Bankomaten betroffen.
Ohnehin wird bei Schließungen gerne ähnlich argumentiert – Einsparungsmaßnahmen sind dann plötzlich im Interesse der BürgerInnen, da in Zeiten zunehmender Digitalisierung entstehende Synergieeffekte optimal genutzt werden müssen.

Argumentationen wie diese, ob in Österreich oder anderswo, machen deutlich, warum die #Dorfkinder-Kampagne so viele Betroffene verärgert hat. Ben Schneider von den Jusos Berlin brachte es treffend auf den Punkt, als er auf Twitter schrieb:

„Dorfkinder bleiben oft keine #Dorfkinder, weil es kein Internet gibt, der Bus nie kommt, die Läden schließen und keine Zukunftschancen in Sicht sind.“ [5]

Die hier angesprochene Landflucht belegen auch aktuelle Prognosezahlen aus Österreich: So sinkt beispielsweise die Zahl der unter 20-Jährigen im Bezirk Spittal an der Drau bis 2030 um 18,4 Prozent, im Bezirk Lienz sind es sogar 19,7 Prozent. Die gegenläufige Entwicklung ist hingegen in den österreichischen Zentralräumen festzustellen. [6]

Weitere stark betroffene Regionen sind etwa die Obersteiermark, das nördliche Waldviertel oder weite Teile Kärntens (abseits des Zentralraumes Klagenfurt-Villach). Dies wird durch den demografischen Wandel zusätzlich verschärft – Infrastrukturabbau und Investitionsrückgänge folgen.

Höchste Zeit also, PR-Aktionen wie jene der #Dorfkinder durch echte Maßnahmen im Sinne der Landbevölkerung zu ersetzen.

Alexander Neunherz

Quellen
[1] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2020): #Dorfkinder – so stärkt das BMEL das Leben auf dem Land.  20.1.2020. https://www.bmel.de/DE/Laendliche-Raeume/_texte/dorfkinder.html [Zugriff: 25.01.2020].
[2] ORF Report/ÖREK 2017.
[3] Sulzbacher, Markus (2019): Trotz Breitbandmilliarde und 5G: Internet bleibt vielerorts lahm. 7.2.2019. https://www.derstandard.at/story/2000097611859/trotz-breitbandmilliarde-und-5g-internet-bleibt-vielerorts-lahm [Zugriff: 25.01.2020].
[4] Neunherz, Alexander (2019): Der ländliche Raum auf dem Prüfstand – eine Annäherung. Vortrag im Rahmen des Zukunftskongresses am 20. Oktober 2019, Dietach/Steyr.
[5] Tweet von Ben Schneider: https://twitter.com/ben_schndr?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor [Zugriff: 25.01.2020].
[6] Neunherz, Alexander (2019): Der ländliche Raum auf dem Prüfstand – eine Annäherung. Vortrag im Rahmen des Zukunftskongresses am 20. Oktober 2019, Dietach/Steyr.