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Die französische Peripherie probt den Aufstand

Die Gelbwestenbewegung offenbart nach einem Jahr der Proteste die tiefe Spaltung zwischen den Metropolen und dem Rest des Landes

Am 17. November 2018 gründete sich in Frankreich eine Protestbewegung, die das dortige politische System bis heute erschüttert. Die sogenannten Gelbwesten lassen sich keinem politischen Lager zuordnen, vielmehr richten sich ihre Proteste – die immer wieder von Ausschreitungen aber auch von Polizeigewalt überlagert sind – gegen die Politik von Emmanuel Macron. Die ablehnende Haltung gegenüber der höheren Besteuerung fossiler Kraftstoffe, insbesondere Diesel, mag vordergründig der Auslöser gewesen sein, dahinter verbirgt sich jedoch ein diffuses Gefühl der Unzufriedenheit.

Die Gelbwestenbewegung offenbart eine Spaltung zwischen den städtischen Zentren und der Peripherie Frankreichs. Viele Dörfer – besonders im Norden und Osten des Landes – kämpfen gegen die Landflucht und den dadurch entstehenden Infrastrukturabbau. Solche Situationen finden sich meist dort, wo lebendige Klein- oder Mittelstädte als räumliches Zentrum in ländlichen Regionen fehlen.

Das Dorf Les Voivres in der Region Grand Est mag dafür exemplarisch stehen, auch hinsichtlich des sprichwörtlichen Kampfes gegen die Windmühlen. So werden etwa auf Initiative der Kommune leerstehende Bauernhöfe saniert, um sie später als Sozialwohnungen weitervermieten zu können. Der Gemeinde gehört auch das einzige Café bzw. Restaurant im Ort – ein Platz, der als identitätsstiftend und somit als unentbehrlich angesehen wird. [1]

Für die Peripherie verschärfte sich der Problemdruck in den letzten Jahren zusehends: Der französische Staat hat nach der weltweiten Finanzkrise vor allem das Wachstumspotenzial der Metropolen gefördert – so wurde die finanzielle und wirtschaftliche Kluft zwischen Stadt und Land größer. Die Proteste der Gelbwesten machen deutlich, dass es für die Politik höchst an der Zeit ist, den ländlich-peripheren Gebieten wieder vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken.

Während man in Österreich und Deutschland häufig vom „Stadt-Land-Gefälle“ spricht, hat sich in Frankreich der Begriff der „territorialen Kluft“ durchgesetzt. Der Terminus wurde von Christophe Guilluy geprägt, dessen Essay „Das periphere Frankreich“ im Jahr 2014 viel Aufmerksamkeit erhielt.

Der Geograf Guilluy skizziert darin die Trennung des Landes in zwei Räume: Auf der einen Seite bilden die 25 größten Ballungszentren ein „Frankreich der Metropolen“. Auf der anderen Seite befindet sich die Peripherie: Dort leben 60 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber rund 80 Prozent der sozial benachteiligten Gruppen. Für Guilluy sind diese Gebiete nicht nur geografisch, sondern auch kulturell abgehängt:

„Für mich macht der berühmte Satz von Margaret Thatcher 1987 den Anfang: ‚There is no society.‘ Ihren Slogan haben nicht nur die Konservativen, sondern die gesamte dominierende Klasse der westlichen Gesellschaft übernommen. Alle haben die Privatisierung des Staates betrieben. Damit hat das begonnen, was ich ‚No Society‘ nenne, eine Nichtgesellschaft, die mit der Krise der politischen Repräsentation, der Zersplitterung der sozialen Bewegungen, der Verschanzung der Gewinner in den Trutzburgen der Metropolen und der Schwächung des Wohlfahrtsstaates einherging.“ [2]

Christophe Guilluys Beitrag hat der Debatte in Frankreich, die jahrelang auf die Banlieues, also auf die Randzonen der Großstädte abzielte, einen neuen Fokus gegeben. Denn auch in der Peripherie verdichten sich Probleme, wie etwa hohe Verschuldung, fehlende Mobilitätsangebote oder schlecht bezahlte Jobs.

So werden von der Protestbewegung die begrenzten beruflichen Entwicklungsperspektiven in der Peripherie angeprangert. Es fehlt vor allem an höher qualifizierten Jobs, was viele Menschen in schlecht bezahlte und unzureichend abgesicherte Arbeitsverhältnisse zwingt. Diese (untere) Mittelschicht hat – vor allem in den Jahren der Weltfinanzkrise – viel an Kaufkraft eingebüßt und kämpft seither nicht selten mit Abstiegsängsten.

Der Soziologe Oliver Nachtwey veranschaulicht dies mit einer „Rolltreppen-Metapher“: Die (untere) Mittelschicht muss immerzu gegen die in entgegengesetzte Richtung fahrende Rolltreppe anlaufen, um so keinen sozialen Abstieg zu erleiden. Umgekehrt gilt: Ein Vorwärtskommen bzw. ein Aufstieg ist dadurch ausgeschlossen. [3] Die Rolltreppe hat dabei den Fahrstuhl als erklärendes Element abgelöst: Denn Ulrich Beck sprach in den 1980er Jahren noch davon, dass die Wohlstandsexplosion im Nachkriegseuropa alle gesellschaftlichen Schichten in einem Fahrstuhl nach oben befördern würde.

Mit der Rolltreppen-Metapher schließt sich der Kreis hin zu den Protesten, die sich zunächst gegen erhöhte Spritpreise richteten: Angesichts des oftmals unzureichenden öffentlichen Nahverkehrsangebotes sind große Teile der Landbevölkerung auf ihre individuelle Mobilität angewiesen. Eine empfindliche Kraftstoff-Verteuerung würde dieses Lebensmodell zusätzlich erschweren – quasi die Rolltreppe nach unten weiter beschleunigen. Dies war auch der Funke, der die aufgestaute Unzufriedenheit zum Überlaufen brachte. Die Folgen sind heute, ein Jahr danach, hinlänglich bekannt.

Alexander Neunherz


Buchtipps:

  • Guilluy, Christophe (2014): La France périphérique. Comment on a sacrifié les classes populaires. Paris: Flammarion.
  • Nachtwey, Oliver (2016): Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Berlin: edition suhrkamp.
  • Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Berlin: edition suhrkamp.
Quellen:
[1] Sander, Matthias (2017): Ein Dorf im Le-Pen-Gebiet kämpft gegen seinen Untergang. 28.4.2017. https://www.nzz.ch/international/ein-dorf-kaempft-gegen-seinen-untergang-ld.1289226 [Zugriff: 15.11.2019].
[2] Ginori, Anais (2018): "Gelbwesten haben gewonnen." 4.12.2018. https://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_politik/article184962972/Gelbwesten-haben-gewonnen.html [Zugriff: 15.11.2019].
[3] Bisky, Jens (2016): Abrutschen aus der Sicherheit. 28.6.2016. https://www.sueddeutsche.de/kultur/soziologie-abrutschen-aus-der-sicherheit-1.3055230 [Zugriff: 15.11.2019].