Aktuelles

„Territoriale Kluft“: Das geteilte Frankreich

Mit ihrem Sieg bei den EU-Wahlen haben die französischen RechtspopulistInnen um Marine Le Pen den pro-europäischen Kräften eine schmerzhafte Niederlage bereitet. Die politische Landkarte Frankreichs zeigte dabei ein bekanntes Muster: Während Le Pens „Rassemblement National“ (vormals „Front National“) im ländlichen Raum sowie in kleineren und mittleren Städten punkten konnte, war die Bewegung von Präsident Emmanuel Macron in den großen Städten und dem dazugehörigen Umland erfolgreich. Die Tageszeitung „Le Monde“ titelte sinngemäß: „EU-Wahl: Die territoriale Kluft vergrößert sich.“

Während man in Deutschland und Österreich oftmals vom „Stadt-Land-Gefälle“ spricht, hat in Frankreich der Begriff der „territorialen Kluft“ weitreichende Debatten ausgelöst. Der Terminus wurde vom Geografen Christophe Guilluy geprägt, dessen Essay „Das periphere Frankreich“ im Jahr 2014 viel Aufmerksamkeit bekam.

Guilluy skizziert darin die Trennung in zwei geografische Räume: Auf der einen Seite bilden die 25 größten Ballungszentren ein „Frankreich der Metropolen“. Dem steht die Peripherie gegenüber. Diese Gebiete seien nicht nur geografisch, sondern auch kulturell abgehängt. Guilluys Beitrag hat der Debatte, die jahrelang auf die Banlieues, also auf die Randzonen der Großstädte abzielte, eine neue Richtung gegeben. Denn auch in der Peripherie verdichten sich Probleme wie hohe Verschuldung, Arbeitsplatzmangel oder fehlende Mobilitätsangebote.

Der französische Geograf, der sich mit diesem Phänomen bereits seit Jahren befasst, schrieb dazu in einem Kommentar aus dem Jahr 2017: „In diesen Gebieten zeigt sich der Austritt der Mittelklasse aus den Schichten, die früher ihre Identität ausmachten: Arbeiter, Angestellte, Kleinbauern, Kleinselbständige. […] Doch nach Jahrzehnten der Anpassung an die Normen der Weltwirtschaft, stellen sie nun fest, dass ihr Lebensstandard gesunken ist […] und dass der soziale Fahrstuhl feststeckt.“ [1]

Das heutige Wirtschaftssystem schafft es nicht mehr, die Mehrheit der Bevölkerung zu integrieren. Stattdessen wird die Ungleichheit forciert. Erkennbar ist diese Entwicklung an folgendem Widerspruch: Zwar hat die französische Wirtschaft in den letzten Jahren Wohlstand geschaffen, allerdings nur für jene, die bereits wohlhabend waren.

Autor
Alexander Neunherz

Quelle
[1] Guilluy, Christophe (2017): Verlust der Sicherheit. 4.1.2017. https://www.sueddeutsche.de/politik/populismus-verlust-der-sicherheit-1.3321548 [Zugriff: 3.6.2019]